Paradox.

Seit ich im Oktober nach Stuttgart gezogen bin, gehe ich fast immer, wenn ich etwas benötige, im gegenüberliegenden Einkaufszentrum einkaufen. Manchmal kann es da schon etwas voll werden; dann tümmeln sich die Menschen gedrängt auf den Rolltreppen und in den Fast-Fashion-Tempeln Primark und Co. Ich brauche nur tegut und dm und dann laufe ich so schnell wie möglich wieder hinaus.

Menschenmassen in geschlossenen Räumen waren noch nie wirklich mein Ding, schon immer habe ich sie versucht, zu vermeiden. Doch letzte Woche war es noch ein ganz anderes Gefühl.

 

Am 24. Februar 2022 ist Krieg ausgebrochen, in unserem sonst so sicher wirkenden Europa. In der Ukraine; zwei Flugstunden von Deutschland entfernt.

Als ich an dem Donnerstagmorgen auf mein Handy schaute, war Social Media voller Meldungen: Russland hat wirklich das Unglaubliche gewagt. Es kam mir beinahe vor, wie ein Film, ein ganz schrecklicher. Fast minütlich schaute ich auf Twitter nach aktuellen Entwicklungen und im selben Rhythmus kamen immer weitere herzzerreißende Neuigkeiten.

Ich konnte gar nicht aufhören an all die Menschen zu denken; ich wollte und konnte mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlen muss, sein Leben so zurücklassen zu müssen, seine Heimat so zu sehen und Familie und Freunde zu sehen, die fest entschlossen zu den Waffen greifen und ihr Land verteidigen. Ob ich mutig genug wäre, mich den Panzern in den Weg zu stellen? Ich glaube nicht…

In den ohnehin schon nicht schönsten Zeiten noch solche Nachrichten zu lesen, ist definitiv nicht das Beste für den Kopf und die mentale Gesundheit. Das habe ich gemerkt. Papa meinte schon, es ist wichtig sich zu informieren, aber man darf nicht daran zerbrechen. Schwierig war es, das in den ersten Tagen zu beherzigen.

Bei jedem Blick auf Updates fühlte ich unzählige Emotionen: Mitleid, Trauer und Angst. Mitleid mit den Menschen. Trauer bei jedem Bild einer vor den Trümmern flüchtenden Mutter mit ihren Kindern. Angst eben vor dem, was noch kommen würde.

Ich hatte Glück, dass ich mit meiner Mama schon einige Wochen vorher vereinbart hatte, dass sie mich am 25. Februar besuchen kommen und bis Montag bleiben würde. Dadurch hatte ich Abwechslung und Ablenkung von all dem Horror auf unserem Kontinent. Trotzdem blieb das Thema natürlich nicht aus: Wir schauten uns jeden Morgen und Abend die News des Tages an und stellten fest, dass das Lied „An Tagen wie diesen“ von Fettes Brot so aktuell war wie noch nie. Mama hatte mir früher schon erzählt, dass sie, als sie das Lied das erste Mal alleine im Radio hörte, rechts ranfahren musste, weil es sie so mitgenommen hatte. Ich war noch ein Kind, eine kleine Tochter, wie sie auch von Fettes Brot besungen wird:

 

„Dann kommt es vor, dass ich Angst davor krieg, dass uns etwas geschieht

Dass man den verliert, den man liebt, dass es das wirklich gibt

Mitten in der Nacht werd‘ ich wach und bin schweißgebadet

Schleich‘ ans Bett meiner Tochter und hör‘, wie sie ganz leise atmet“

 

Wir haben uns das Lied natürlich an dem Wochenende noch einmal angehört und saßen daraufhin beide weinend auf meinem Bett.

Ich muss sagen, in diesen Tagen fühle ich mich hilflos und ich weiß auch, dass wir gar nicht so richtig die Möglichkeit haben, zur Verbesserung der Situation beizutragen. Genau deswegen geht es vielen von uns wahrscheinlich auch so nah. In einem Beitrag zum Thema Krisenmanagement wurde gesagt, solange man anderen helfen kann, geht es einem selbst auch besser mit der Situation. Das können wir im Moment nicht sonderlich aktiv. Wir können aber spenden und das hilft auch schon. Ich habe ebenso bereits an Caritas gespendet und würde gerne auch noch einige Medikamente beisteuern, suche da aber noch nach den richtigen Organisationen.

Das, was dort in der Ukraine passiert, ist schrecklich und ich kann es immer noch nicht ganz fassen. Währenddessen geht hier das Leben einfach so weiter. Ich habe die alltäglichen Menschenmassen aus hibbeligen Teenagern und genervten Erwachsenen gesehen, ich sehe viele Stories von feiernden, trinkenden Freunden. Verständlich, wir können nicht stillhalten und unser eigenes Leben vernachlässigen. Trotzdem ist mir im Moment nicht nach Feiern und Shoppingmarathon zumute.

Es scheint für mich so paradox; wir gehen in Clubs und die Menschen aus der Ukraine zittern um Heimat und Leben? Das passt für mich gerade einfach nicht zusammen.

Ich will erst wissen, dass es Besserungen gibt und die gibt es bis dato noch nicht.

Diesen Text schreibe ich aber gerade aus dem Zug nach Hause, ich muss Familie und Freunde umarmen in diesen Zeiten. Die Einsamkeit der Großstadt bekämpfen.

Und darauf freue ich mich.

Lasst uns hoffen, dass diese Tragödie in der Ukraine so schnell wie möglich ein Ende hat. Bis dahin spendet und unterstützt, wo ihr könnt. Unser Zusammenhalt in Europa und in der ganzen Welt ist im Moment so wichtig und ich bin begeistert, wie stark er gerade ist.

 

Alles wird gut.

 

#standwithukraine

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