…und wir sind die Blüten

Vor unserem Haus steht eine alte Magnolie. Jedes Jahr trägt sie unzählige, wunderschöne, hellrosa Blüten. Menschen bleiben stehen und fotografieren sie. Und auch jedes Mal, wenn ich in ihrer Blütezeit nach Hause komme, macht mich der Anblick mit dieser frühlingshaften Ästhetik glücklich.

Dieses Jahr hat der Frühling kalt begonnen. Zu kalt für manche der kleinen, empfindlichen Knospen. Jetzt schmücken das märchenhafte, rosa Blütenmeer einige kleine braune Flecken an den Blättern. Das ist schade. Mama ärgert sich schon seit Wochen, dass es unbedingt dieses Jahr so frostig sein musste. Ja, genau: Wieso genau dieses Jahr? In einer Zeit, wo wir wahrscheinlich jedes kleinste bisschen Freude gebrauchen könnten. Auch wenn es nur ganz einfache, winzige Blüten sind.

Das hat mich irgendwie zum Nachdenken gebracht. Gerade saß ich auf dem Sofa und habe rausgeschaut. Auf das rosafarbene Meer vor dem Fenster. Ich zückte sofort meine Kamera; so einen vergänglichen Moment, den musste ich festhalten. Für mich. Für uns. Für dich.

Denn es sind nicht einfach nur irgendwelche Blüten. In dem Moment hab ich nachgedacht und festgestellt, dass sie viel mehr bedeuten. Sie verdeutlichen mich, dich, uns, wie wir sind und leben. Und das insbesondere gerade jetzt, in diesem Ausnahmezustand.

In meinem Kopf spinnt sich gerade etwas zusammen, was vielleicht genau das ist, was ich im Moment hören muss, um aus einem Tief wieder herauszukommen, was mich jeden Tag umgibt. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es vielen von euch da draußen genauso geht. Lasst uns dem gemeinsam ein Ende setzen, vielleicht mit Hilfe einer klitzekleinen Blüten-Allegorie.

Die Magnolienblüten vor meinem Fenster sind schön wie immer, trotz den Schwierigkeiten, die sie scheinbar am Anfang des Jahres überwinden mussten. Die Knospen mussten Frost und Schnee überstehen und trotzdem sind sie aufgeblüht und zeigen jetzt ihre Schönheit. Nicht ganz unversehrt, aber die kleinen braunen Narben sind doch nur Zeichen ihrer Kraft. Der Frost hat sie nicht umgebracht und sie haben sich nicht umbringen lassen. Dank dessen habe ich jetzt den wundervollsten Ausblick überhaupt.

Was wäre, wenn wir die Blüten wären? Würden wir überhaupt aufgehen oder würden wir aufgeben? Was ist, wenn der Lockdown und die Pandemie unser Frost sind, die kleine Narben hinterlassen werden, uns aber trotzdem nicht komplett aus der Bahn werfen dürfen?

Ich bin ganz ehrlich: Im Moment wäre ich wohl eher die Knospe, die den Winter nicht übersteht. Aber daran kann man arbeiten. So schlecht es uns auch zu gehen scheint, wir dürfen nicht vergessen, dass es irgendwann vorbei sein wird und dann ist die Zeit für uns gekommen, in der wir unsere wunderschönen Blüten erstrahlen lassen müssen. Wenn all das vorbei ist, dann ist es „our time to shine“, und die sollten wir dann auch so ausgiebig nutzen, wie möglich.

Lasst uns einfach ein bisschen mehr sein, wie die Magnolie vor meiner Tür, strahlend und elegant, egal, was kommt. Der Stamm ist unsere Welt, jeder einzelne Ast ein individuelles Leben und wir sind die Blüten; das Resultat aus jahrelangem Wachstum.

Ich will in einem bunten Blütenmeer leben, voller Schönheit und positiver Energie; mit den unterschiedlichsten Formen und Farben. Und nach dem Lockdown soll diese Welt noch farbenfroher und voller aufsprießender, neuer Blüten sein; nicht etwa grauer und trister, weil so viele den Frost nicht überstanden haben.

Gemeinsam überstehen wir diesen viel zu lange währenden Winter, da bin ich mir sicher.

2 Responses to "…und wir sind die Blüten"
  1. Die Bilder und dein Text sind ganz wunderbar. Und der Vergleich mit den Blüten ist so motivierend. Danke dafür.

    Schön, dass du wieder schreibst!

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