Es sind keine verlorenen Orte, sondern sie sind magisch!

Spurensuche – Ein verlorener Ort

Südfrankreich, Sommer 2017

Vor unserer Windschutzscheibe wand sich die Landstraße hin und her. Wir waren schon eine Weile unterwegs und wollten noch zum Pont du Gard. Ich war allmählich nicht mehr in Stimmung für neue Entdeckungen. Bei 37 Grad wird irgendwann jede Bewegung zur Anstrengung und der Gedanke an den herrlichen Pool in unserer französischen Unterkunft war im Moment mein einziger Ansporn.
Gerade als ich mich ans Fenster lehnen wollte um eine halbe Stunde zu schlafen, hörte ich wie Mama vorne etwas von „Anhalten“ sagte. Ihr könnt euch denken, dass ich nicht sonderlich begeistert war, aber meiner Frau Mama in solchen Momenten zu Widersprechen, bringt sowieso nichts. Sie hatte wahrscheinlich wieder irgendetwas am Straßenrand entdeckt und wollte es sich ansehen.

‚Bleibe ich halt im Auto und schlafe‘, dachte ich mir gerade, als ich dann die auffallende Säule und den Tempel entdeckte. Beides war von einer Mauer umgeben und wurde von einer eisernen Tür verschlossen. ‚War sie verschlossen, oder war das dort ein Lichtspalt‘? Ein verlorener Ort! Ihr kennt mich ja, das musste ich mir näher ansehen.

Aber meine Neugier siegt natürlich in solchen Momenten.
Noch weiß ich nicht, was mich erwartet.
Irgendwie unwirklich, oder?
Blauer Himmel über diesem magischem Ort in Südfrankreich.

Südfrankreich, Sommer 1657

Ich wollte nicht dorthin. Es wäre so schwer, mich wieder an ihn erinnern zu müssen, wenn ich die Bilder und alles andere dort sehen würde. Aber meine Maman bestand darauf, die Tochter des Hauses dabei zu haben.
Es war ein ganzes Stück Weg bis wir den Platz erreichen würden. Der Weg wand sich vor meinen Augen und der Wind wirbelte ab und zu ein paar Staubkörner auf. In den Kleidern und Schuhen, die wir trugen, war die Strecke noch beschwerlicher als sonst. Außerdem hatten wir jeder einen Strauß Blumen in der Hand und ich hatte noch Kerzen mitgenommen.

Unser Ziel ist ein verlorener Ort.
Ein schwerer Gang entlang der Landstraße.

Gerade als ich auf eine kleine Bank zusteuerte, um kurz meine Last abzulegen und meine Kleidung zu richten, rief mir Maman zu:

„Emelie, da vorne ist es schon.“

Tatsächlich sah ich die Säule dort in den Himmel ragen. Die kleinen Bäume versperrten noch nicht die Sicht, schließlich hatte sie unser Gärtner Monsieur Bernard erst vor kurzem dort gepflanzt. Irgendwann werden die Bäume so groß sein, dass dieser Ort für immer und ewig vor neugierigen Besuchern geschützt sein wird.

Wird die Traurigkeit irgendwann vergehen?
Der Himmel über uns war viel zu blau, er passte einfach nicht zu meiner traurigen Stimmung.

Das letzte Stück überstand ich glücklicherweise auch noch, ohne das mein Kleid und gerade meine neuen Schuhe Schaden nahmen. Als wir vor dem Tor standen, schaute ich an mir herunter, um sicherzugehen, dass alles richtig saß und kein Schmutz auf dem Stoff klebte. Schließlich sah man Staubkörner besonders stark auf einem schwarzen Kleid.

Mein erstes schwarzes Kleid, doch bevor ich weiter ins Grübeln kam, zog Maman die Tür auf und wir gingen hinein…

Stellt ihr euch auch manchmal solche Fragen?
Ein verlorener Ort, oder ein Ort für die Ewigkeit?

Ein verlorener Ort, oder ein Ort für die Ewigkeit

Meine Frau Mama war mal wieder schon vorgelaufen und ließ mir und Papa die Tür auf. Wir hörten nur noch ihr Staunen, ehe sie ganz verschwunden war. Und plötzlich betraten wir eine andere Welt. Naja, nicht wirklich, aber bei dem Anblick, der sich uns bot, waren wir wirklich gebannt.

Vor uns stand der Tempel, den man von draußen nur erahnen konnte. Er sah alt aus und morbide, aber trotzdem strahlte er noch immer eine gewisse Herrschaftlichkeit aus. Es hätte wirklich ein altrömischer Bau sein können.

Ich war jedenfalls sofort beeindruckt von diesem Tempel.
Eine Entdeckung am Straßenrand von Argilliers

Der magische Platz war mit unzähligen Pflanzen überwuchert, die zum Teil üppige Dornen hatten. Überall schossen trockene Grasbüschel aus dem Boden, die die Wege verdeckten. Das hinderte uns jedoch nicht, weiter zu gehen. Im hinteren Teil ragte die steinerne Säule eindrucksvoll in den Himmel.

Imposant sah das alles aus, man fühlte sich irgendwie winzig zwischen diesen alten Bauten.

Aber nicht weitersagen! ;)
In diesen Momenten bin ich meiner Mama doch dankbar, dass sie uns zum Abhalten „gezwungen“ hat. 😉

Während ich auf eigene Faust die historische Stätte erkundete, verspürte ich ein komisches Gefühl. Ich wusste nur nicht direkt, was es bedeutete und konnte es auch nicht beschreiben. Vielleicht war hier eine Art übernatürliche Kraft zugange, die mich schaudern ließ. Während ich grübelte und weiter ging, stieß ich mit dem Fuß gegen etwas hartes.

Ein Stein vielleicht? Ich schaute hinunter zu meinen Füssen und blickte erschrocken auf einen halb umgekippten Grabstein…

Wir liefen offensichtlich über Gräber...
Ein Grabstein?
Es ist vielleicht gar kein verlorener Ort, sondern eine Erinnerung.
Kann ich es noch entziffern, finde ich einen Namen?

Als wir den Friedhof betraten, sah ich, dass die meisten Trauergäste schon anwesend waren und sich im hinteren Teil versammelt hatten. Maman, Papa, mein Bruder und ich waren einige der letzten, die zur Zeremonie eintrafen. Mit schnellen Schritten bewegten wir uns auf die Gruppe zu, grüßten kurz und begaben uns rasch nach vorne.

Ich starrte auf den Grabstein, auf dem groß der Name meines Cousins prangerte: RAPHAËL MOREAU. Er war im Brunnen auf unserem Hof ertrunken, weil er nie schwimmen gelernt hatte. Und mich traf der Verlust schwer. Raphaël war wie ein großer Bruder für mich gewesen. Der  große Altersunterschied zwischen uns hatte nie eine Rolle gespielt. Raphaël war immer für mich da. Aber nun nicht mehr…

Wie wird es sein ein ohne ihn?
Hier wird mein geliebter Cousin nie wieder mit mir langspazierten…

Er war vor einigen Jahren zu uns gekommen, um Papa bei den Arbeiten an unserem Chateau zu helfen. Seine Eltern waren schon verstorben. Ich erinnerte mich plötzlich an so viele Dinge, die wir gemeinsam unternommen hatten. Und die wir noch geplant hatten, gerade jetzt in den Sommermonaten…

Plötzlich hörte ich es krachen neben mir und stellte fest, dass ich die Kerzen fallen gelassen habe. Glücklicherweise waren sie heil geblieben, Maman griff sie und fing an, sie auf das Grab zu legen. Ich wandte mich ab und rannte durch die Menge, um meine Tränen vor den Freunden und Verwandten zu verstecken.

Ich lief an den Menschen vorbei und stieß mir plötzlich den Fuß. Mit Entsetzen stellte ich fest, dass ich gegen einen anderen Grabstein gestoßen bin. Voller Scham wegen meiner Respektlosigkeit gegenüber den Verstorbenen, kehrte ich zu der Menschenmenge zurück und dachte über die Vergänglichkeit nach: ‚Werde ich auch eines Tages hier liegen und irgendjemand wird achtlos gegen meinen Grabstein stoßen…‘

Wer sie wohl war?
Dieser Grabstein erinnert also an eine Emilie…
Irgendwie mag ich den Gedanken, dass auf diese Erinnerungen bleiben.
Viel konnte man nicht mehr lesen, aber in meiner Fantasie hatte ich schon ein Gesicht zu Emilie.

Ich las nun ehrfürchtig den Namen der Beerdigten: Emilie…. Die Eingravierung war verwittert, aber trotzdem konnte ich es lesen. Ehrlich gesagt, hatte ich irgendwie keinen Grabstein erwartet. Wie ein Friedhof sah das hier auf den ersten Blick nicht aus.
Mama und Papa kamen zu mir und entdeckten nun auch den Grabstein. Doch sie waren weniger verwundert als ich. Papa erklärte mir, dass sie die Infotafel am Eingang gelesen hätten, auf der wohl stand, dass hier die Ruhestätte der Menschen wäre, die in dem alten Chateau gegenüber gelebt haben.
Beim genaueren Betrachten der Umgebung fielen mir noch viel mehr verwitterte Grabsteine auf. Sie alle lagen umgestoßen um uns herum. Wir standen also auf Gräbern. Wer weiß, wie viele Menschen hier entlang gegangen sind, oder etwa hier liegen. Vielleicht war hier auch einst ein 15jähriges Mädchen auf dem Weg zu… Ja, wohin denn? Zu einer Beerdigung? Oh Gott, das wünsche ich niemandem.

Aber das Leben ist vergänglich, das wissen wir alle. Und trotzdem trifft uns der Verlust eines geliebten Menschen härter, als alles andere. Wer wohl diese Emilie war? Ob sie geliebt wurde? Ist sie jung oder alt gestorben? Hat man sie vermisst? Fragen über Fragen.
Ich bemerkte bei all den ganzen Gedanken gar nicht, dass ich mich wieder zurückbewegt hatte. Ich stand nun in der Mitte des brüchigen Tempels und dachte über Leben und Tod nach. Mama und Papa waren plötzlich weg. Aber ich konnte ihre Stimmen von draußen, hinter der Tür wahrnehmen.
Vorsichtig schritt ich ein letztes Mal durch das dichte, strohfarbene Gras auf die Tür zu. Ich berührte sie und spürte das kalte Metall unter meinen Fingerkuppen. Vorsichtig drehte ich mich um und warf einen letzten Blick zurück.

Emilie… den Namen würde ich nicht wieder vergessen.

Auch das hat für mich mit Erwachsenwerden zu tun.
Ein unerwarteter Stopp wurde hier für mich zu einem nachdenklichem Spaziergang durch Raum und Zeit.

Die Zeremonie war lang und traurig. Alle wischten sich zwischendurch die Tränen weg, auch viele Menschen, die Raphaël nur flüchtig kannten. Er war immer zu allen höflich und freundlich. Und er war viel zu jung gestorben. Ich war wie in Trance, dachte an all die schönen Dinge, die wir zusammen erlebt hatten.

Aber der Tod gehört nunmal zum Leben dazu, auch wenn er bei Raphaël viel zu früh kam. Ich dachte weiter nach, über die Vergänglichkeit unserer selbst. Ich stand in der Mitte des neugebauten Tempels, den Vater nach dem Vorbild der römischen Architektur bauen lassen hatte.

Auch Raphaël hat damals beim Bau geholfen, während ich die Leute mit frischem Wasser und warmen Keksen versorgt habe. Wer bringt meinem geliebtem Cousin jetzt die Kekse? Und wo ist er jetzt überhaupt? Kann er meine Trauer spüren und weiß er, wie sehr ich ihn vermisse?

Langsam zogen sich alle vom Friedhof zurück. Raphaëls Stein stand nun allein im grünen Gras und ich blickte zwischen den Säulen des Tempels hindurch. Er hatte einen wunderschönen Platz bekommen, direkt vor der prachtvollen Säule. Das hatte sicher Papa entschieden, auch für ihn war Raphaël mehr ein Sohn als ein Neffe.
Ich sollte auch gehen, sonst würden mich alle am Ende suchen und sich Sorgen machen. Langsam schritt ich den steinigen Weg entlang, bis zum schmiedeeisernen Tor. Es war üppig verziert und sehr schwer aufzuschieben. Ich berührte die kalten Windungen und zog das Gatter auf. Bevor ich hinaustrat, warf ich einen letzten Blick zurück.

Mein Blick ging in Richtung des frisch aufgeworfenen Erdhügels mit den frischen Blumen darauf.

Raphaël… den Namen würde ich niemals vergessen.

Es sind keine verlorenen Orte, sondern sie sind magisch!
Kennt ihr auch solche Orte wie diesen hier in Argilliers, die euch sofort in vergangene Zeiten versetzen?
2 Responses to "Spurensuche – Ein verlorener Ort"
  1. Liebe Charli, da läuft einem ja trotz der Hitze, in der Ihr dort wart, eine Gänsehaut herunter! Was für ein toller Post und was für ein wunderbarer, verwunschner Ort! Da hat Deine Mama aber echt was ganz besonderes entdeckt und mir gefällt es wie Du die beiden Geschichten hier miteinander verwoben hast.
    Vielen Dank <3
    Liebe Grüße, Rena
    http://www.dressedwithsoul.com

    • Oh, Danke, liebe Rena.
      Ich freue mich, dass dir meine beiden Geschichten gefallen, denn ich mag solche Zeitsprünge auch sehr gern.
      Der Ort war wirklich magisch und ohne Mami hätte ich ihn wirklich nicht entdeckt. Habe ich ihr natürlich auch gesagt. 🙂
      Ich wünsche dir noch einen schönen Abend.
      Liebe Grüße
      Charli

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